Die Magnolie

Vor ziemlich genau einem Jahr hat mich der Magnolienbaum meines Nachbarn so sehr zum Schreiben inspiriert, dass daraus die erste einigermaßen ernsthafte Buchidee wurde. Hier sieht ihr der Anfang dieser Geschichte. Wer weiß, vielleicht wird ja irgendwann noch etwas draus.

Letzte Nacht hatte es wieder Frost gehabt. Nora stand am Küchenfenster ihres kleinen Häuschens hinter der angeschlagenen Keramikspüle und wusch mit mechanischen Bewegungen das Frühstücksgeschirr ab. Ihr Blick wanderte durch den mit Morgensonne gefluteten Garten, vorbei an Tontöpfen, die sich in sämtlichen Formen und Farben am Rand der Terrasse stapelten, über den verwilderten und mit kargen Blumenbeeten gesäumten Rasen, bis hinüber zum Gartenzaun, der so mit Efeu überwuchert war, dass fast nichts mehr von den verwitterten Holzlatten zu sehen war. Dann fanden sich ihre Augen den Grund ihrer Melancholie. Der Magnolienbaum war bestimmt schon 50 oder 60 Jahre alt. Stolz erhob er sich knapp hinter der Grundstücksgrenze und streckte seine knorrigen weit verzweigten Äste in sämtliche Himmelsrichtungen. Jedes Jahr wurde der Frühling zum Fest, wenn dieser Baum erblühte und für wenige Tage seine ganze Pracht zur Schau trug. Doch in diesem Jahr hatte ihm das wechselhafte Märzwetter diesen Ausdruck der farbenprächtigen Lebendigkeit verwehrt. Zunächst war es ungewöhnlich früh im Jahr schon sehr warm geworden. Der vergangene Winter hatte ebendiesen Begriff ohnehin nicht verdient – Schnee gab es höchstens an vereinzelten Tagen und meist war er bis zum Mittag wieder getaut und hatte außer braunem Matsch auch etwas ratlose Winterdienste zurückgelassen, die frühmorgens noch pflichtschuldig ausgerückt waren. Und so hatten neben eifrigen Schneeglöckchen auch bald leuchtend violette, gelbe und weiße Krokusse ihre Knospen freudig in die milde Frühlingsluft gereckt. Schließlich konnten auch die Kirsch- und Magnolienbäume den lockenden Sonnenstrahlen nicht mehr widerstehen und beeilten sich, der frühlingshaften Blumenschau ihre zartrosa Blüten beizusteuern. Doch während die Zierkirsche hinter dem Haus schon einige Tage lang in voller Pracht stand, fand die Vorfreude auf den Höhepunkt im Nachbargarten letzte Nacht ein brutales Ende. Das Thermometer war nun zweimal in Folge auf unter minus fünf Grad gefallen. So kalt war es fast den gesamten Winter nicht gewesen, welcher verspätet und gnadenlos noch ein letztes Opfer forderte. Traurig hingen die braunen Überreste der einst so vielversprechenden Blütenpracht an den alten Ästen und ließen sich, nach und nach, leblos vom Wind zu Boden tragen.

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